Gladiator
GLADIATOREN: EINE NEUE INSEKTENORDUNG (Eine Übersicht von Martin Wittneben (Bremen/Namibia) - Stand März 2003)
Die Entdeckung einer neuen Insektenordnung, den Mantophasmatodea, sorgte 2002 weltweit für Schlagzeilen (1), (2), (6), (7). Mit 6 - 10 Mio. Arten stellen Insekten ca. 80 % aller lebenden Organismen der Biosphäre dar. Seit knapp 90 Jahren konnten alle der etwa 1,2 Mio. bekannten Insektenarten in 30 Ordnungen unterteilt werden (z.B. Schmetterlinge, Käfer, Termiten, usw. die jeweils in Familien aufgeteilt werden. Innerhalb der Familien findet eine weitere hierarchische Aufteilung in Gattungen und schliesslich in die jeweiligen Arten statt). Die von Zompro zunächst in Bernstein und dann in Museumsmaterial entdeckten Tiere unterscheiden sich so grundlegend von allen bekannten Arten, Gattungen, Familien und Ordnungen der Insekten, dass im Frühjahr 2002 eine weitere Ordnung beschrieben werden musste!
Auf einem meiner botanischen Forschungsaufenthalte auf dem Brandberg in meiner Heimat Namibia wurde ich bereits im April 2001 eines seltsamen Insekts habhaft. Zurück an meinem Studienort Bremen untersuchte Dr. Koehler das Tier und war bald fasziniert von der ihm gebotenen Merkmalskombination, die mit keinem der uns zur Verfügung stehenden Bestimmungsschlüsseln in Einklang zu bringen war. Was lag näher, als das Tier so rasch wie möglich den Spezialisten vom Naturkundemuseum in Windhoek zur weiteren Bearbeitung ans Herz zu legen. Wie sich bald herausstellen sollte, war es mir unabhängig und in Unkenntnis von Zompros Entdeckungen vergönnt, ein lebendes Exemplar der Mantophasmatodea gefunden zu haben.
Da es einige Verwirrungen um diesen Fund gab, möchte ich eine tabellarische Übersicht der Entdeckungsgeschichte der Gladiatoren geben. Sie soll zeigen, wie völlig unabhängige Forschungen in einer Entdeckung konvergieren können und zum Fund der lebenden Tiere in Namibia geführt haben. Die Geschichte wird vor allem durch folgende Besonderheiten charakterisiert:
- Die Entdeckung unbekannter Insekten in 45 Mio. Jahre altem Bernstein - man hielt sie für ausgestorben.
- Die Entdeckung von in Namibia LEBENDEN Nachfahren der anfangs für ausgestorben gehaltenen Tiergruppe ebenfalls im Frühjahr 2002 ("Lebende Fossilien").
- Der Beitrag des "Bremer Fundes" aus Namibia (Dubach und Wittneben) schon im Jahre 2001, der die Suche nach den lebenden Tieren nach Namibia gelenkt hat.
Tabelle 1: Eine �ersicht ber die Details der Entdeckung der Mantophasmatodea (Gladiatorschrecken) nach meienm derzeitigen Kenntnisstand.
| DATUM |
ORT |
PERSONEN |
EREIGNIS |
| 1890 |
Sdafrika |
. |
Ältester (nicht näher untersuchter) Lebendfund einer Gladiatorschrecke (Sammlung Sdafrika, nachträglich recherchiert), weitere Funde s.u. |
| 1909 |
Namibia |
S.G. Seewald |
Fund nicht näher untersucht, Museum fr Naturkunde Berlin |
| 1950 |
Tanganjika (Tanzania) |
L. Kwela |
Fund nicht näher untersucht, Zoological Museum Lund (Schweden), seit 1985 im Natural History Museum London |
| 1990 |
Sdnamibia |
E. Marais |
Fund eines "weird specimen" (merkwrdige Art) vom National Museum of Namibia (nicht näher untersucht) |
| bis einschl. 1994 |
Sdafrika |
versch. Finder |
mindestens 29 (vorerst nicht näher untersuchte) Lebendfunde innerhalb Sdafrikas (Sammlungen in Sdafrika, Anfang 2002 recherchiert, Zahl wachsend). Stand: Sept 2002(3) |
| td>1997 |
Frankreich |
Arillo, Ortu�, Nel |
Fund einer (nicht näher untersuchten) Nymphe in baltischem Bernstein(4) (nachträglich recherchiert) |
| 1999 |
Pl�, Deutschland |
Zompro |
Untersuchungen einer unbekannten Insektenart an Fossilien in baltischem Bernstein (45 Mio. Jahre alt) am Max-Planck-Institut |
| 2000 |
Brandberg / Namibia |
Meakin |
Fund von 3 Nymphen bei Studien des National Museum of Namibia und Unversity of Leeds (UK) - nicht als Besonderheit erkannt! |
| April 2001 |
Brandberg / Namibia |
Dubach & Wittneben |
Fund des ersten adulten Exemplares der Brandberg-Population |
| Mai 2001 |
Bremen, Deutschland |
Koehler & Wittneben |
Untersuchungen und Erkenntnis der besonderen Merkmalskombination des Tieres vom Brandberg an der Uni Bremen |
| 2001 |
Hamburg, Deutschland |
Zompro |
Ver�fentlichung der Bernstein-Arbeiten Zompros seit 1999(5) |
| 2001 |
Pl� - London - Berlin |
Zompro, et al |
Recherche und Auffinden der Präparate von 1909 und 1950 aus den Museen (s.o.). Erkenntnis der Übereinstimmung dieser (historischen") Tiere mit den (prähistorischen) Fosslien aus dem Bernstein. Auf Grund der einzigartigen Merkmalskombinationen wird die neue Ordnung der Mantophasmatodea begrndet |
| August 2001 |
Bremen - Windhoek, Namibia |
Wittneben |
Überfhrung des Brandbergtieres zum National Museum of Namibia mit Bitte um weitere Untersuchungen durch lokale Experten |
| September 2001 |
Pl� - Berlin - Windhoek |
Zompro & Marais |
Die Suche von Zompro nach lebenden Tieren fhrt ber Berlin zum National Museum of Namibia |
| September 2001 |
Windhoek - Pl� |
Marais & Zompro |
Marais kann sofort positiv antworten: Ein Tier steht bereits seit wenigen Tagen bei ihm auf dem Schreibtisch: Der Fund von Dubach & Wittneben vom Brandberg (s.o) mit erstmals genauen Ortsangaben einer lebenden Population! |
| Ab September 2001 |
Pl� - Windhoek - International |
Marais, Zompro, et al |
Der Brandberg wird als Ziel einer Expedition ausgewählt, Planung der Expedition (ohne Wittneben) |
| Februar 2002 |
Windhoek |
Ministry of Basic Education, Sport and Culture |
Pressemitteilung Namibia ber Entdeckung der Ordnung Mantophasmatodea und die anstehende Expedition zur "Entdeckung" lebender Tiere in das Brandberg-Gebirge |
| Februar / M�z 2002 |
Brandberg |
div. internationale Teilnehmer |
Hubschrauber-Expedition auf den Brandberg, 14 Tage, "Gladiatoren" werden gefunden(6), (8), (11) |
| M�z 2002 |
Windhoek |
Ministry of Basic Education, Sport and Culture |
Pressemitteilung Namibia ber erfolgreiche Expedition auf den Brandberg |
| 19. M�z 2002 |
Windhoek |
Wittneben |
Kurzbesuch Wittnebens in Namibia. Dort Erstaunen ber Ereignisse ohne ber die Rolle seines Erstfundes vom Brandberg 2001 (s.o.) ohne informiert worden zu sein (!) |
| 17. April 2002 |
Mnchen |
Max-Planck-Gesellschaft |
Pressemitteilung Deutschlandber Entdeckung der Ordnung Mantophasmatodea und erfolgreiche Expedition in Namibia(1) |
| 10. April 2002 |
Bremen - Pl� |
Wittneb? en & Zompro |
Kontaktaufnahme von Wittneben mit Zompro. Zompro erachtet Beitrag von Wittneben/Bremen nicht nennenswert |
| 18. April 2002 |
USA |
Klass, Zompro, Kristensen, Adis |
Beschreibung der neuen Ordnung in "Sciencexpress"(Online-Version der "Science", vergl.(2)) |
| Ab April 2002 |
International |
. |
Medien berichten weltweit von der Entdeckung der neuen Ordnung und ihrer lebenden Vertreter in Namibia. Die Sensation der "lebenden Fossilien" wird weltweit gefeiert |
| Juni 2002 |
Windhoek |
Marais |
Aktualisierte Mitteilung des National Museum of Namibia weist auf Beitrag von Dubach & Wittneben (Uni Bremen) zur Entdeckung lebender "Gladiatoren" hin (Mitteilung des National Museum Namibia) |
| Juli 2002 |
Sdafrika |
Strings Media (Johannesburg) |
TV-Sendung des Dokumentarfilms zur Expedition in das Brandberg-Gebirge. (Beitrag von Wittneben wird erw�nt) |
| 10. Oktober 2002 |
Bremen |
Universit� Bremen |
Pressemitteilung Deutschland zur Kenntnisnahme des Wittneben-Bremer Beitrages bei Entdeckung der lebenden Population von "Gladiatoren" auf dem Brandberg(10) |
| Ab 10. Oktober 2002 |
prim� Deutschland |
. |
Medien berichten bundesweit erneut ber die Entdeckung der Ordnung und den o.g. Beitrag von Wittneben und der Bremer Uni |
| Mitte Oktober 2002 |
Pl� - Bremen |
Zompro - Wittneben |
Gespräche und Abgleich der Informationen zwischen Bremen und Pl� |
| Seit Oktober 2002 |
USA, Deutschland |
Zompro, et al |
Weitere Veröffentlichungen zum Thema der Mantophasmatodea(6), (7), (8), (11) |
| November 2002? |
Namibia |
Zompro, et al |
Gemeinsame Beschreibung des "Brandberg Gladiators" (incl. Wittneben). Veröffentlichung in Kürze(9) |
DAS WESEN DER ENTDECKUNG
Faszination Entdeckung Neue Insektenarten werden immer wieder entdeckt und beschrieben. Die Faszination, Tiere einer völlig unbekannten Tiergruppe zum ersten Mal gesehen zu haben, stellt fr mich ein "berauschendes" Erlebnis dar. Als besondere Faszination kommt hinzu, dass man die Tiere vorläufig nur als ausgestorbene Lebewesen gekannt hat. Wie ist gro�ist nun das Erlebnis, dass es "plötzlich" möglich ist, die LEBENDEN Nachfahren dieser Fossilien beobachten zu können!
Der Bremer Fund Die Aufregung erreichte auch die Weltöffentlichkeit seit April 2002. Während die Entdeckung der Ordnung anhand von Fossilien und 2 Präparaten schon geschehen war, fehlte den Berichten der Beitrag der Bremer Uni und Martin Wittneben bei der Entdeckung lebender Tiere in Namibia.
Etwa 1 Jahr vorher (April 2001) hatten Hansueli Dubach und Martin Wittneben eines dieser Tiere auf dem Brandberg-Massiv in Namibia gefunden. Im Gegensatz zu frheren Funden (siehe Tabelle) endete dieser - oder war es doch eine Entdeckung - NICHT unbeachtet in einer Sammlung. Das Tier erschien ihnen so ungewöhnlich, dass sie es mit Herrn Dr. Hartmut K%&$ler an der Universität in Bremen untersuchten. Die Bestimmung wollte anhand der dortigen Literatur nicht gelingen, daher beschloss man, dass eine genauere Untersuchung in Windhoek stattfinden sollte.
Dort traf - ohne dass man voneinander wusste - wenig später eine Anfrage Oliver Zompro des Max-Planck-Institutes aus Pl� (in Deutschland) ein. Seine Forschungen an den Fossilien hatte die Suche nach lebenden Tieren an denselben Ort gelenkt, wo bereits ein namibischer Biologe (mit Studium? in Bremen) auf die Tiere aufmerksam geworden war.
Der Bremer Fund von fhrte 10 internationale Wissenschaftler im März 2002 auf den Brandberg. In Bremen wurde niemand darber informiert. Die Presse erhielt ebenfalls keine Informationen ber den Beitrag des Bremer Fundes, an dessen Fundort die Forscher nun erwartungsgemäß fündig wurden. Die Ursachen dafr sind nicht eindeutig. Erst auf Nachdruck von Wittneben wurde anschließend im sdlichen Afrika ber diesen Beitrag berichtet. Im Oktober 2002 fhrte eine Pressemitteilung(10) der Universität Bremen zu entsprechenden Berichten in Deutschland.
PERSÖNLICHES
Zu meiner Person Ich bin Namibianer (31 J.), Sohn deutscher Eltern, die vor ca. 50 Jahren Afrika als neue Heimat gewählt haben. Ich bin mit der Natur Afrikas aufgewachsen, und habe das Problem erkannt, dass es an (afrikanischen) Wissenschaftlern fehlt, die ihr Wissen in Afrika sammeln und dort umsetzen können. Die Technik der modernen Wissenschaft und die globale Wissenschaftspolitik lassen sich allerdings nicht im afrikanischen Busch erlernen! Deswegen habe ich 1994 das Biologiestudium (Diplom) Universität Bremen in Deutschland aufgenommen. Die Kosten des Studiums bestreite ich aus eigenen Mitteln und verbringe jedes Jahr zwei bis drei Monate in Namibia. Zwischen den Universitäten in Windhoek (University of Namibia UNAM) und der Universit� Bremen habe ich verschiedene wissenschaftliche Kontakte herstellen können, die die seit 1996 bestehende Kooperationsvereinbarung beleben. Im Jahr 2001 konnte ich eine Studienreise von 20 Studenten aus Bremen nach Namibia mit organisieren und betreuen. Des Weiteren habe ich zwei eigene Forschungsarbeiten in Namibia im Rahmen meines Studiums durchgefhrt: 1997 - 1998 untersuchte ich �ologie und Vegetation isolierter Feuchtgebiete in der Wste Namib (in Zusammen? arbeit mit dem Institut fr �ologie und Evolutionsbiologie, (http://www.ifoe.uni-bremen.de/)). Aktuell arbeite ich an der Auswertung meiner Diplomarbeit, (bzw. Masters These): "Untersuchungen der Vegetation des Brandbergemassivs in der Wste Namib". Dort habe ich von Februar bis Mai 2000 und im April 2001 geforscht.
Persönliche Motivation von MARTIN WITTNEBEN Ich sehe mich als Bindeglied zwischen Afrika und Europa, und werde nach Beendigung meines Studiums wieder nach Afrika zurckkehren, um einen Teil der Brcke zwischen Afrika und Europa durch meine Arbeit als Biologe vor Ort aufrecht zu erhalten und daran weiter zu "bauen". Neben dem persönlichen Ehrgeiz braucht es dazu die nötigen finanziellen und politischen Möglichkeiten. Daher hoffe ich, mehr internationale Kooperationen nach Namibia locken. Doch ist es dabei sehr wichtig, dass Namibia als gleichwertiger Partner auftreten kann und entsprechend behandelt wird. Die Erforschung des "Gladiators" vom Brandberg geschieht in einer offiziell vereinbarten Kooperation zwischen Namibia und Deutschland. Wenn auch die Erfahrungen bei der Entdeckung dieser seltsamen Tiere in Namibia die Schwierigkeiten von internationalen Kooperationen gezeigt haben, so blicke ich mit hohen Erwartungen den weiteren Forschungen in Zukunft entgegen.
Literaturverweise 1) Pressemitteilung der Max-Planck-Gesellschaft April 2002 (http://www.mpg.de/pri02/pri0229.htm) 2) KLASS, K.D; ZOMPRO, O; KRISTENSEN, N.P; ADIS, J.M: Mantophasmatodea: A New Insect Order with Extant Members in the Afrotropics. Science, Vol. 296, pp. 1456-1459; (May 24, 2002). 3) PICKER, M.D; COLVILLE, J.F; VAN NOORT, S.: Mantophasmatodea Now in South Africa. Science Vol 297, p. 1475; (August 30, 2002). 4) ARILLO, A; ORTU�, V.M; NEL, A.: Description of an enigmatic insect from Baltic Amber. Bull.Soc. entomol. Fr., 102(1): 11-14; (1997). 5) ZOMPRO, O.: The Phasmatodea and Raptophasma ? n. gen., Orthoptera incertae sedis, in Baltic Amber (Insecta: Orthoptera). Mitteilungen des Geologisch-Pal�ntologischen Institutes der Universit� Hamburg 85: 229-261; (2001) 6) ADIS, J; ZOMPRO, O; MOOMBOLAH-GOASES, E; MARAIS, E: Gladiators: A New Order of Insect. Scientific American; pp. 60 - 64; (Nov. 2002). 7) ZOMPRO, O; ADIS J; WEITSCHAT, W: A Review of the Order Mantophasmatodea (Insecta). Zoologischer Anzeiger, Bd. 241: 269 - 279; (Nov. 2002). 8) ADIS, J; ZOMPRO, O; MOOMBOLAH-GOASES, E; MARAIS, E: Gladiatoren: Gespenstische R�ber. Spektrum der Wissenschaft; pp. 64 69 (Feb. 2003) 9) ZOMPRO, O; ADIS, J; BRAGG, P.E; NASKRECKI, P; MEAKIN, K; SAXE, V; WITTNEBEN, M.: Tyrannophasma gladiator gen. nov. sp. nov, a new genus and species of Gladiator-Bug from the Brandberg Massif, Namibia (Insecta: Mantophasmatodea). Cimbebasia Memoir 10; (in press). 10) Pressemitteilung der Uni Bremen (http://www.uni-bremen.de/campus/campuspress/altpress/02-219.php310) 11) MEY, W.: Expedition zum Brandberg (Namibia) auf der Suche nach der Jahrhundertentdeckung. Entomologische Zeitschrift 113 (2): 39 46; (Feb. 2003).
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